Erkundungen und Äpfel der Erkenntnis aus Beirut.

Vorgeplänkel:

Aus unerklärlichen Gründen kommen die meisten Flüge, die von Europa in den Libanon fliegen, mitten in der Nacht an. Dabei könnten die Anbieter ihre Flüge ganz einfach früher losschicken.
Damit nicht genug: Fluggesellschaften machen immer einen Zwischenstopp in ihrem Heimatland – selbst wenn das ein Umweg ist, etwa Frankfurt–London–Sydney, wenn jemand auf die Idee kommt mit British Airways dort hinzufliegen. Da ich also bei Czech Airlines mein Schnäppchen fand, fliege ich von Frankfurt nach Prag – eine Stunde und fünf Minuten –, verbringe dort eine Stunde und 40 Minuten, weil die Tschechen so heimatverbunden sind, und fliege schließlich von Prag nach Beirut – dreieinhalb Stunden.
Leipzig, wo ich wohne, liegt etwas näher an Prag als an Frankfurt. Noch dazu kostet die Zugverbindung von Leipzig nach Prag etwa ein Drittel von dem, was man für die Strecke Leipzig-Frankfurt bezahlt. Es würde folglich Sinn machen, direkt nach Prag zu fahren und dort in den Flieger zu steigen. Dennoch muss ich nach Frankfurt, sonst verfällt mein gesamter Flug.
Auf Nachfrage bei der Airline heißt es: „Sorry, but that is our policy.“ – Entschuldigung, das hatte ich mir ja schon fast gedacht, dachte allerdings auch die 14 Cent pro Minute für die Hotline hätte ich ihnen auch noch gern gespendet, schließlich war ihr Flugangebot so unschlagbar günstig. Und gerne verbringe ich drei Stunden mehr als nötig damit, zu ihren Flügen anzureisen und auf diese zu warten. Ich bin jung, mein ganzes Leben liegt vor mir und da ich mein junges Leben zu leben weiß, bin ich ihnen sogar dankbar, dass sie mir ein bisschen Verschnaufpause gönnen, Wartezeiten, die ich zur Vorbereitung auf den Libanon nutzen kann.

20 US-Dollar und eine High Five:

Wegen Beschwerde Nummer eins komme ich also um 2.20 Uhr in der Nacht in Beirut an. Der kleine Flieger steuert das Ziel vom dunklen Meer herkommend an, kurz kommt das Lichtermeer der Stadt in Sicht, dann setzen die Räder auch schon mit einem sanften Ruck auf der Landebahn auf. Niemand klatscht – Libanesen scheinen diesen Brauch genauso lächerlich zu finden wie ich. Nur eine alte Muslimin neben mir murmelt schnell und inbrünstig ein kleines Stoßgebet.
Nach drei Passkontrollen und einem weiteren Beamten, dem ich versicher, dass ich noch nie in Israel war, winkt mich ein Soldat lächelnd durch die letzte Sicherheitssperre. „I hope you enjoy your time in Lebanon“, heißt er mich freundlich willkommen. Und so stehe ich in meiner ersten Beiruter Nacht um 2.50 Uhr am Flughafen, die Nacht ist warm, es weht eine leichte Brise.
Zunächst viele Nullen in den Geldautomaten eintippen, dann mit allerlei Taxifahrern darüber streiten, dass 60 US-Dollar wirklich zu viel seien, um in die Stadt zu kommen, auch zu dieser späten Stunde. Ich erzähle ihnen einfach, meine libanesischen Freunde hätten gesagt, es würde nur 15 Dollar kosten. Schließlich einigen wir uns auf 20 Dollar, was immer noch viel ist, wenn man bedenkt, dass ein Taxi in Beirut normalerweise um die zwei Dollar kostet – egal wie weit. Doch es gibt keine Alternative; das wissen die Taxifahrer auch.

Der junge Mann sagt „yala“, was so viel wie „Komm“ oder „Auf gehts“ bedeutet und ich trotte ihm eine ganze Weile hinterher, bis ich keine Lust mehr habe und ihm sage, dass ich ja gleich laufen könne, wenn sein Taxi am anderen Ende der Stadt stünde. Er entschuldigt sich, greift zu seinem Telefon und keine zwei Minuten später ist ein Freund von ihm mit Taxi da. Das Taxi ist alt, verbeult und rostig. Der Fahrer ist noch jünger als sein Vermittler und gibt sich große Mühe cool zu sein. Sobald er mich sieht, sinkt er in möglichst lässige Position, kurbelt das Fenster runter, hängt einen Arm raus und öffnet den Mund beim Sprechen – der Coolness wegen – nur noch zu einer Seite hin. Besser verstehen kann man ihn dadurch nicht, aber wenn er meint, sich auf diese Weise besser präsentieren zu können – soll er nur machen.
Der übliche Smalltalk beginnt: Ob es mein erstes mal im Libanon sei, ob es mir gut gehe, was ich hier mache, wo ich hin müsse, wo ich her käme… bis er schließlich fragt, wie alt ich sei. Die 27 aus meinem Mund lässt ihn schlagartig wieder gerade sitzen, er zieht den Arm ein und öffnet nach einem erstaunten „Oh“ beim Sprechen den Mund wieder vollständig. Er ist erst 18 und ich somit wohl nicht seine Abschleppzielgruppe. Vorbei mit der Show – schön, dass wir das geklärt hätten.
Er geht nun dazu über mir Tipps für Beirut zu geben, sagt mir, wo das Meer sei und die guten Viertel zum Ausgehen. Dann sind wir beinah da – DIE Straße in Gemmayze, dem Ausgehviertel im christlichen Teil von Beirut. Hier wohnt die Neuseeländerin, bei der ich die ersten Nächte übernachten kann. Am Anfang der Straße hält der Taxifahrer an, ich sage ihm, dass er bis zum Restaurant Le Chef weiterfahren müsse, doch er will nicht. Er sagt, er kenne den Weg nicht und auf meine Wegbeschreibung scheint er sich nicht verlassen zu wollen. Er lässt sich lieber die Telefonnummer der Neuseeländerin geben, um sie mitten in der Nacht aus dem Bett zu klingeln. Als er mit ihr spricht, scheint er wütend und genervt. Er schimpft und schimpft. Im nächsten Moment lacht er und sagt, dass alles nur ein Scherz sei.
Schließlich fährt er weiter, fragt noch einen Mann auf der Straße nach dem Weg, glaubt dann endlich, dass er wirklich weiterfahren muss und setzt mich am genannten Restaurant ab, wo die müde Neuseeländerin schon steht und wartet. Ich will ihm 20 Dollar geben, doch er hätte gerne für das Telefonat noch fünf extra. Den hingestreckten Schein nimmt er nicht. Das sehe ich nicht ein, steige aus und hole mein Gepäck aus dem Kofferraum. Sofort kommt er gelaufen, nimmt die 20 Dollar, spricht aber von fünf weiteren. Ich sage: „Ok, ok, you can get your five. You can get 20 and a high five.“ Wir schlagen ein, lachen und er wünscht eine gute Zeit im Libanon.

Die Stadt im Ohr:
Im sechsten Stock liege ich in der Zeit zwischen Nacht und Morgen auf einem roten Samtsofa, es ist warm und die Stadt pulsiert auch zu so später Stunde noch. Im Halbschlaf lausche ich der unbekannten Welt dort draußen: Irgendetwas erinnert dem Geräusch nach an einen gigantischen vorbeifliegenden Hummelschwarm, leise und beruhigend murmeln Muezzins in der Ferne, Baulärm – Gehämmer, Geflexe und fallender Schutt –, ein Generator brummt, Autos hupen, Motoren rattern und heulen auf, Zikaden untermalen den Lärm mit sanftem Gesang, Tauben flattern und gurren, ein Hahn hört nicht auf zu krähen, vor dem Haus hält ein Auto, orientalische Musik läuft, jemand singt immer wieder und wieder „habibi“. Was ist das für ein liebeskranker, baufälliger Moloch, der da vor dem Fenster auf mich wartet, während ich versuche zu schlafen?

Der Rundgang:
Am nächsten Morgen wander ich durch die Stadt. In meinem Viertel stehen schlichte beigefarbene Wohnhochhäuser mit Fensterläden und Balkonen zu allen Seiten. Davor, zur Straße hin, heruntergekommenen Kolonialbauten. Hier und da sind Einschusslöcher zu sehen, Stuck bröckelt. Da, wo Bomben Löcher in alte Häuser rissen, hat man sie mit Steinen wieder zugemauert, aber nicht verputzt. Teilweise fehlen Fensterscheiben. Libanesische Flaggen hängen an den Fassaden und wehen sacht im Wind. Es herrscht eine verwunsche Stimmung, eine Mischung aus Verschlafenheit, Ruhe, Chaos und verworrener Geschichte.

Jedem Millimeter der Straße ist anzusehen, dass er so viele Geschichten zu erzählen hätte, wenn er nur sprechen könnte. Stattdessen herrscht Schweigen, das gilt auch für viele Menschen. Sie beschweren sich hier und da über all die Dinge, die nicht funktionieren und können nicht verstehen, wieso all die Europäer und Nordamerikaner zum Studieren und Urlaub machen in ihr Land reisen. Studieren und Urlaub machen – das macht man doch dort, wo alles funktioniert, wo alles heil ist, in Paris oder London, in der „zivilisierten Welt“. Das sagen sie tatsächlich und meinen damit ein funktionierendes Stromnetz, Politik ohne Klientelismus und Korruption, dass sich eigene Leistung mehr lohnt als die eigene Familie.
Ein Libanese erzählt mir, dass es mit jedem Krieg schlimmer wird. Denn im Krieg würden vor allem die normalen Bürger das Land verlassen, bleiben würden jedoch die Reichen, die mit Einfluss, die mit Dreck am Stecken und die Armen. Die korrupten Reichen hätten sich zwar während der letzten Jahre nicht vermehrt, aber ihren Anteil durch die vielen Auswanderer schon. Darüber beschweren sich Libanesen öfters mal, fragt man sie jedoch nach dem letzten Krieg gegen Israel 2006 oder nach dem Bürgerkrieg, dann erzählen sie nicht viel. Höchstens vielleicht, dass sie das alles nicht richtig mitbekommen haben, weil sie sich in die Berge zurückzogen. Der Libanon scheint müde vom Krieg, er möchte nach Vorne, er möchte Feiern, er möchte Kultur.

In den brüchigen Jugendstilhäusern folgt eine Bar auf die nächste. Junge Menschen mit strahlenden Augen und stilvoller Kleidung lungern auf den Barhockern herum. Bereits morgens bestellen sie Cocktails, damit sie den ganzen Tag den Lebensstil der Bohemia pflegen können. Lila Blüten wirken vor blauem Himmel beinah wie vorbeiziehender Rauch. Kleine Gemüseläden und Antiquariate haben sich zwischen die Bars gemogelt. Es gibt Fruchtsäfte und Manuchee, eine Art libanesische Pizza mit Käse und Salat, zu kaufen. Der Geruch ist ein Durcheinander aus feinen Speisen, Obst in der prallen Mittagssonne, Abgasen und zerriebenem Putz. Auf den Balkonen sitzen Männer mehrerer Generationen und rauchen eine nach der anderen.
Soldaten – weiß-grau gescheckt mit Maschinengewehren um die Hälse gehängt, die ihnen zwischen den Beinen baumeln – sitzen sinnlos in kleinen Holzhäuschen herum, derigieren den Verkehr, bewachen an willkürlich gewählten Orten Absperrungen, laufen von einer Straßenseite zur nächsten und natürlich rauchen sie dazu. Was sollten sie auch sonst tun?

Am Ende der Kneipenmeile thront eine große Moschee aus Sandstein mit blauer Kuppel – völlig unbeschädigt, neu strahlend wie aus 1001 Nacht. Davor eine große Kreuzung. Ich würde sagen, die Straße in jede Richtung dreispurig, wenn es Spuren gäbe. In jedem Fall ist sie voller hupender Autos. Es gibt Ampeln, auch Fußgängerampeln, die manchmal funktionieren. Leider nicht allzu oft, denn häufig gibt es Stromausfälle und ohne Strom keine Ampel. Irgendwo in Beirut ist eigentlich immer Stromausfall, denn es wird nicht genug produziert. Daher wird rationiert, jeder Stadtteil bekommt zu einer anderen Uhrzeit Strom: In Gemmayze gibt es meist morgens zwischen acht und 11 Uhr keinen Strom, in Hamra gibt es abends keinen Strom. Das heißt, irgendwo in der Stadt funktionieren die Ampeln meistens, aber meistens nicht dort, wo man selbst gerade ist.
Funktionieren die Ampeln, kommen die Autos bei rot sogar zögerlich zum Stehen, wenn auch nicht alle. Doch als könnten sie es nicht erwarten, als würde ein großer Magnet am anderen Ende der Straße sie langsam aber stetig anziehen, drängeln sie bei rot immer weiter vorwärts. Um zu Fuß auf die andere Seite zu kommen, muss man entweder mutig und bestimmt vorwärts stürmen, vielleicht eine Hand als Stoppzeichen für die Autos ausgestreckt, oder man wartet, bis ein erfahrener Libanese das gleiche Ziel hat und heftet sich an seine Fersen. Er wird schon wissen, was er da tut. Es ist gewöhnungsbedürftig, aber funktioniert erstaunlich gut.
Hinter der Kreuzung beginnt das Zentrum der Stadt. Es ist astrein saniert. Die Häuser sehen nur noch alt aus, sind aber nach dem Krieg 2006 komplett neu gebaut worden. Markelloser Sandstein an Fassaden, Torbögen formen Galerien wie in Italien, teure Designershops für saudische Besucher, pakistanische Putzmänner, die mit Staubwedeln aus Federn die nostalgischen Laternen abstauben, kleine Plätze mit Cafés. Doch alles wirkt unbelebt, wie eine künstliche Insel in der wahren Stadt.

Hinter der reichen Welt erhebt sich das libanesische Parlament, Flaggen wehen im Wind, Militär bewacht die Eingänge, es darf nicht fotografiert werden, Männer in maßgeschneiderten dunklen Anzügen, mit dunklen Sonnenbrillen, mit Mikrofon und Kopfhörern verkabelt, gehen ein und aus – Willkommen im Libanon, dem Land, in dem Politiker sein ein gefährlicher Job ist.
Ein paar Tage später gehe ich wieder am Parlament vorbei: Etwa fünf Menschen stehen davor, halten ein UNICEF-Plakat in die Höhe. Bewacht werden sie von etwa 100 Polizisten und Soldaten, Straßensperren riegeln den Weg zum Parlament großräumig ab. Doch ohne Einwand kann ich um die Straßensperren herum gehen, an all den Soldaten und Polizisten vorbei, die freundlich grüßen. Das interessiert niemanden und alle anderen machen dasselbe. Nur ein Soldat möchte gerne mit mir befreundet sein, möchte das sehr hartnäckig und am liebsten auch meine Telefonnummer. Mit einem Mann, der ein Gewehr trägt, legt man sich besser nicht an. Dennoch sage ich ihm, dass ich nicht sein Freund sein will. Das versteht er nicht. Schließlich gibt er sich mit einer E-Mail Adresse zufrieden, von der ich ihm sogar sage, dass sie nicht funktioniert. Auf diese Weise kann er vor seinem Kumpel aber sein Gesicht wahren, wir sind beide halbwegs zufrieden und ich darf weiter gehen.

Einige Schritte weiter beginnt Hamra – wie Gemmayze ein Ausgehviertel mit vielen Cafés, nur dass hier die Jugendstilhäuser mit ihren Antiquitätenläden fehlen, weniger Christen und mehr sunnitische Muslime leben und sich auf der Hauptstraße ein H&M an das nächste schmiegt. Häufiger als in Gemmayze schlendern verschleierte Frauen die Straßen entlang. Sie sind sehr modisch gekleidet. Am Eingang einer Boutique steht auf einem Plakat: „I don‘t want to cause any trouble, I just want fashion.“ – Vielleicht durchaus ein politisches Statement.
Ein Grüppchen von drei Frauen sitzt in einem Café. Eine von ihnen trägt den Schleier, die anderen nicht – eine jede so, wie sie möchte. Sie rauchen Wasserpfeife, bestellen libanesische Vorspeisen. und begrüßen ihre männlichen Freunde mit Wangenküsschen. Über ihren Köpfen hängt ein Pop-Art-Bild: Eine Frauensilhouette auf schwarzem Grund, ausgefüllt  mit einem Prilblumenmuster, über ihrem Kopf steht in arabischer Schrift „kifak inta?“ – „Wie geht es dir?“ an eine männliche Person gerichtet. In einem Satz wechseln die drei Frauen mehrfach zwischen den drei Sprachen, die sie alle fließend sprechen. Mal ist es Englisch, mal Französisch, mal Arabisch. Wahrscheinlich reden sie über eine Vernissage, eine Performance oder ein Theaterstück. Kulturell erblüht die Stadt seit kurzer Zeit. Ein jeder ist Feuer und Flamme für Beiruts Nachtleben, für alternatives Kino, für kulturellen Austausch jeder Art. Erst einen Cocktail schlürfen in der angesagten Graffiti-Bar, dazu spielt kostenlos eine Live-Band, dann eine Bauchtanz-Performance mit schwulem Tänzer im Beach Club. Später die ganze Nacht zu arabischer Diskomusik und Freigetränken tanzen. Zum Sonnenaufgang mit Blick auf das Meer frühstücken, kurz ein paar Stunden schlafen, um für die Podiumsdiskussion über Denkmalschutz und Stadtentwicklung am Nachmittag und dieses experimentelle Theaterstück, wie hieß es noch gleich, am Abend wieder fit zu sein.

Der Apfel oder die Erkenntnis:
In einem Café bestelle ich mir eine Minzlimonade und nutze das kostenlose Internet. Völlig versunken in den Zitronenminzgeschmack zu hellem Bildschirmgeflimmer, bemerke ich nicht, dass sich ein alter Libanese nähert. Er steht daher plötzlich vor mir und spricht mich auf deutsch an. Ich bin völlig verdutzt und antworte nicht sofort. Er fängt an englisch zu sprechen. Erst dann bringe ich ein: „Woher wissen Sie, dass ich deutsch spreche?“ hervor. Er schmunzelt, rückt seine braune Weste zurecht, in deren Brusttasche ein weißes Taschentuch steckt, schmunzelt weiter und lässt sich mit seiner Antwort Zeit. Das wisse er eben, es sei das Gesicht. Ob er ein wenig deutsch mit mir sprechen dürfe. Ich nicke und biete ihm an zu sitzen.
Er habe 35 Jahre in Deutschland gelebt, an der Humboldt-Universität in Berlin gelehrt, habe den gesamten Brecht ins Arabische übersetzt und 12 Kinder. Er lacht. Um seine grünen Augen bilden sich freundliche Falten. Ich sage oder rufe vielmehr erstaunt: „12 Kinder!“ Er schmunzelt, zückt einen Ausweis für eine der großen Beiruter Zeitungen. Seine 12 Kinder seien seine 12 Bücher.
Geheiratet habe er nie, zu sehr sei er Casanova gewesen und zu sehr habe er die deutschen Frauen geliebt. Er zwinkert und fragt mich, was ich von Heirat halte. Ich sage, nicht viel. Er fragt weiter, ob ich einen Freund habe. Ich sage, ja. Im Libanon? Nein. Dann bräuchte ich noch einen im Libanon, meint er. Ich sage, nein. Aber wer denn dann auf mich aufpassen würde. Ich selbst. Er schüttelt den Kopf. Nein, nein, nein, so würde das nicht gehen. Er bietet an, mein Protégé zu sein.
Er sagt feierlich: „Ab jetzt werde ich dich beschützen. Wenn du Hilfe brauchst, dann wirst du mir Bescheid sagen und ich werde dir helfen. Von nun an bin ich dein großer Bruder.“ Ich lache. Er ist über 60 Jahre alt und wohl eher mein Großvater. Dass ich das nicht nur denke, sondern auch sage, findet er nicht so lustig. Etwas gekränkt fragt er, wie er mir helfen könne. Mir fällt nichts ein. Er sagt, er würde mir anbieten, bei ihm zu wohnen, aber das ginge leider nicht, da er bei seinem Schwager wohne. Seine Schwester und sein Schwager seien erst Marxisten gewesen, heute seien sie Islamisten und das wolle er mir nicht zumuten. Dann fällt mir immer noch nichts ein. Also erfindet er etwas:
Ich bräuchte einen Apfel und ich hätte Glück, denn er könne mir helfen. Jeden Morgen stecke er einen Apfel in seine linke Anzugtasche. Er holt mit dem linken Arm theatralisch aus und zaubert einen roten Apfel hervor: „Es war einmal vor langer langer Zeit“, setzt er bedeutungsvoll an. „Da gab es eine berühmte Frau und einen berühmten Mann, die lebten irgendwo. Eines Tages schenkte die Frau dem Mann einen Apfel, die Erkenntnis…“ Heute sei nun der Tag gekommen, wo sich alles umdrehe. Er würde mir nun einen Apfel schenken.
Er lacht. Er sagt: „Welcome to Lebanon, get to know about the differences“ und geht davon.

Unterschiede, die ich bisher ausfindig gemacht habe: In Deutschland beschwert man sich über blödsinnige “policy”, über absurde realitätsferne Regelungen. Im Libanon gibt es gar keine  “policy”. Auch darüber beschwert man sich gerne. Deutschland ist eine rosa-rote Seifenblase. In Beirut haben die Menschen mindestens einen Krieg miterlebt, es sei denn sie sind jünger als vier Jahre. Sind sie älter als 20 Jahre, dann haben sie auch den 15jährigen Bürgerkrieg erlebt. Das heißt, sie sind über zuckende Leichen geflohen, sie haben Familienangehörige verloren, sie haben mindestens einen Invaliden in der Familie, sie haben ihre Nachbarn bekämpft, sie kennen Menschen, die getötet haben oder haben es selbst getan, vielleicht haben sie auch das eine oder andere Leben gerettet, sie haben alles Hab und Gut verloren, sind vielleicht verrückt geworden oder können das alles einfach nicht mehr hören. Welcome to Lebanon, dem Land der Gegensätze.

Weitere Eindrücke aus der Stadt:

Über 14 Milliarden Paar Schuhe werden jedes Jahr weltweit hergestellt. Die meisten davon kaufen Nordamerikaner, sowie Europäer und entsorgen sie durchschnittlich bereits nach einem halben Jahr. Denn die Schuhtrends ändern sich mit der Mode häufig. Das verursacht jede Menge Müll. Der ist im Fall von Schuhen besonders schwer zu entsorgen und zu recyceln, denn die verschiedenen Materialsorten sind fest miteinander verklebt. Für dieses Problem fanden zwei Tüftler aus der Nähe von Salzburg eine raffinierte Lösung: Kompostierbare Schuhe.

Lesen Sie hier die Geschichte wie ein kleines Unternehmen den Schuhmarkt versucht umzukrämpeln.

Ein Wintermärchen

November 28, 2009 | Leave a Comment

Feiner Pulverschnee, die nächste Skipiste nicht weit – davon träumen viele. Auch Michael Völpel. Allerdings störte ihn, dass die Schnallen der Skistiefel sich oft nicht einfach schließen lassen. Das müsste doch anders gehen, dachte er sich. Und fand eine einfache Lösung, die sich gut verkauft.

Lesen Sie hier den Artikel Mit einem Klick ins Wintermärchen.

Anmerkung: Der Artikel ist in der Novemberausgabe von Brand eins erschienen.

Alle sprechen von Klimawandel und Erneuerbaren Energien. Wasserkraft gehört dazu, aber längst nicht alle Gewässer werden genutzt. Wie wäre es mit Strom aus der Kanalisation? Dort fließen auch große Mengen Wasser. Die Energie wird jedoch bisher nicht genutzt.

Lesen Sie hier die Geschichte, wie ein Leipziger Ingenieur auf die Idee kam, Energie aus der Unterwelt zu gewinnen.

Anmerkung: Der Artikel ist in der Septemberausgabe von Brand eins erschienen.

Ein Kriegsreport von der Hamburger Schanze.

Der Abend beginnt mit Arafat. Er kommt aus Kamerun, ist Koch und besucht das Schanzenfest jedes Jahr. Ich komme aus Leipzig, bin neu in Hamburg und eher so etwas wie ein Zaungast auf dem Schanzenfest, ein Krawalltourist wie die Zeitung Hamburger Morgenpost Leute wie mich betitelt hat.

Ich habe davon gehört, dass es das Schanzenfest gibt, dass tagsüber das ganze Viertel ein großer Flohmarkt ist, Familien herum spazieren zu schöner Musik, ein bisschen fluffiger Elektro, ein bisschen Punk, ein bisschen Goa. Menschen sitzen auf der Straße und in Straßencafés, schlürfen Latte Macchiato und halten Schwätzchen. Man erzählt sich, dass abends die nicht verkauften Flohmarktwaren auf der Straße liegen bleiben, dann kommen die Wühlmäuse, die Obdachlosen und Studenten. Was auch sie nicht wegtragen, bleibt liegen und geht in Flammen auf. Dann beginnt die Schlacht: Pflastersteine fliegen, Wasserwerfer rücken an, Feuerwerk und Schlagstöcke, Autonome gegen Polizei…

Doch vorerst ist alles ganz ruhig. Hinter der Roten Flora - der letzten Bastion autonomen Lebens - stehe ich in der Sonne im Park, höre mit vielen anderen Menschen Elektro und beobachte eine alte barfüßige Frau mit weißen Haaren, Pippi Langstrumpf Zöpfen, Sonnenbrille und blauer Tunika wie sie zum Beat durch die Gegend springt. Ihre Zöpfe fliegen durch die Luft und sie strahlt wie der Heilige Grahl. Hippies mit wehenden Haaren stampfen barfuß im Staub herum, freuen sich und haben dreckige Füße. Zwei Spanierinnen werfen sich in Pose, lassen sich von ihren Muskelmännern in der Menge fotografieren. Von der Seite spricht mich jemand an:

“Hallo, was machst du eigentlich hier?”
Etwas verwundert: “Ich stehe hier so rum.”
“Magst du eigentlich Elektro?”
“Ich denke schon, sonst würd ich nicht hier stehen.”

Der Beat wummert, spielt Xylophon auf meinen Knochen und versucht mich zu packen.

“Ich bin eigentlich Arafat.”
Was? denke ich, sage: “Was du nicht sagst.” Muss lachen.
“Ich bin wirklich Arafat - ist mein Name”, sagt Arafat stolz und lacht ein sehr weißes Lachen. “Ich bin eigentlich Koch.”
Ich lache.
“Wieso lachst du eigentlich?”
“Weil Arafat ständig eigentlich sagt.”
Arafat lacht.
Ich gehe mir ein weiteres Bier holen. Auf der Vergnügungsmeile steht mitten auf der Straße ein Verkäufer mit 40 Kästen Bier, zwei Sorten, alle Kästen voll.  Die Kästen türmen sich um den Verkäufer. Ein Astra, bitte. Doch er will mir keins geben. Er habe zu, sagt er. Aber was er denn mit all dem Bier machen wolle, frage ich. Nach Hause bringen, sagt er. Also, Hamburg ist wirklich anders.

Als ich wieder in den kleinen Park zurück komme, ist die Szenerie noch die gleiche. Fliegender Staub, wummernde Beats, wirbelnde Leiber und Fotohandys. Nur die alte Frau mit den fliegenden weißen Zöpfen ist verschwunden. Schade, denke ich. Jetzt habe ich niemanden mehr zu beobachten, der auch mich zum Strahlen bringt. Ich beobachte dennoch weiter. So geht es für Stunden. Dann möchte das Bier zur Toilette gebracht werden. Ich folge diesem Ruf. Aber nur ein Stück weit. Kurz vor der nächsten Kneipe springt mich das Bild eines Mannes an, der drei verschiedene Kameras um den Hals trägt.
“Die hast du doch nicht nur zum Spaß um”, sage ich und zeige auf die Kameras.
“Nein”, sagt er und sagt dann nichts mehr.
Ich gucke ihn an.
“Noch ist ja alles ganz ruhig.” Er spricht die Worte langsam, verschwörerisch. “Aber das heißt nichts. Schon bald könnte hier was ausbrechen.”
“Ach so, und was machst du sonst so? Also, wenn du nicht auf den Ausbruch des Schanzenfest wartest?”
“Ich bin gestern aus dem Iran wieder gekommen. Proteste und so.”
- Aus Teheran zur Schanze. Im Hintergrund grölt der Sänger einer Punkband “Brigitte, geile Party”.

Mir fällt wieder ein, dass ich eigentlich, wie Arafat sagen würde, ein Ziel hatte. Ich drehe mich auf dem Absatz um, in Richtung nächste Kneipe. Als ich die Straße wieder betrete, steht ein Sixpack Polizei neben mannshoch getürmten Bierkästen, Becks. Beide sind grün und stehen in Reihen. Dahinter verabschiedet sich die letzte Punkband von der Bühne: “Leute, geile Party. Passt auf euch auf. Wir dürfen leider nicht weiter spielen. Stay safe. Passt auf euch auf. Hier gibt es jemanden, dem wir ein Dorn im Auge sind. Passt auf euch auf…”

So oft wie der Punk da auf der Bühne sagt “Passt auf euch auf”, fängt er an mich zu langweilen. Der Fotograf bezieht Stellung, ordnet seine Kameras. Ich schlender wieder gemütlich zurück in den Park, zum Elektro. Aber nein. Das DJ-Pult wird abgebaut. Polizisten in langen Reihen und in voller Montur marschieren um den Platz. Ein anderer Afrikaner grinst mich an. Mir fällt nichts besseres ein als ein Peacezeichen zu zeigen. Dumm von mir. Er kommt näher:
“Hey babe, let’s go.”
Hat der se noch alle?
“They are coming. Heila selassi. You and me and mama Africa…”

Die Polizei marschiert weiter um den Platz. Ein paar Leute sitzen an einem Picknicktisch mit Bänken und spielen Percussion dazu. Der Rest wirft Steine, sitzt gemütlich auf der Wiese herum oder flieht nach Hause. Ab und zu fliegt Feuerwerk durch die Luft und bald wird es auch richtig schön aussehen. Denn es wird langsam dunkel.

Als es dunkel ist, erscheinen drei grelle Scheinwerfer am Ende des Parks. Langsam biegen sie um die Ecke und kriechen vorwärts. Vom anderen Ende des Parks tauchen drei weitere Scheinwerfer auf, bewegen sich langsam auf die anderen zu. Zwei Wasserwerfer rollen an. Durchsage:

“Räumen Sie den Bereich. Achtung. Räumen Sie den Bereich.”

Sie sehen aus wie Panzer. Doch Teheran. Aber statt Schüsse spritzt nur Wasser. Schwarze Kapuzenmännchen freuen sich über die Dusche und rennen erfreut gröhlend, die Arme gen Himmel gestreckt in die Wasserfontäne hinein. Polizisten stürmen die Vergnügungsmeile, ziehen sich in den Park zurück, preschen wieder vor, kommen zurück, werden immer mehr. Schwarze, grüne, Polizisten, Klappern auf der Straße von ihren Rüstungen, Rauch steigt auf. Eine Gruppe in grün marschiert immer wieder um den Park herum, dabei ziehen sie den Kreis immer enger, marschieren immer strammer. Ich stehe auf der Wiese und denke, kommt mir nicht zu nah. Ein Typ mit weißem Bauhelm auf dem Kopf huscht vorbei. Mit schwarzem Edding hat er sich PRESSE auf den Helm geschrieben. “Alles kein Problem, keine Panik”, ruft er mir im hektischen Vorübereilen zu. “Ich kenn das, alles schon erlebt, Krieg und so.”

Weg ist er. Ich stehe immer noch ruhig auf der Wiese. Die Polizei marschiert, kreist, stürmt. Da kommt eine Horde zurück von der Vergnügungsmeile, 20 Polizisten vielleicht. Die Nachhut sichert nach hinten ab, rennt rückwärts. Verfolgt wird die grüne Horde von zwei 13jährigen Mädchen. Sie kichern und rufen etwas schüchtern: “Geht nach Hause, los.” Sie recken die Arme zum Himmel und weisen den klappernden Polizisten den Weg.

Ortswechsel. Auch der geduldigste Beobachter muss sich mal bewegen: Auf der Vergnügungsmeile brennen die übrig gebliebenen Flohmarktsachen, darüber fliegt Wasser, Pflastersteine, schwarze Silhouetten vor Scheinwerfern. Neben den Wasserwerfern stehen Polizisten, Megafone: “Bitte räumen Sie den Bereich, Achtung…” Am Straßenrand Cafés und Kneipen: Die Bänke und Cafétische sind voll besetzt, Zaungäste, Krawalltouristen schlürfen Margaritas und Kuba Libre, bewundern die schwarzen Silhouetten im Scheinwerferlicht, das bunte Feuerwerk. Vor den Geldautomaten bilden sich lange Schlangen - mehr Geld für mehr Margaritas.

Manch Jugendlicher lebt in dem Trubel seine pubertäre Aufmüpfigkeit aus: Juppies in Cafés - herzlich willkommen. Ihr sitzt da aber gut - so schön nah an den Wasserwerfern. Ein etwa 14Jähriger bleibt vor den Biertischen stehen, kramt etwas Unrat aus der Tasche, ein Feuerzeug, zündet den Plunder an und platziert ihn vor der Margarita schlürfenden Menge. “Bitte räumen Sie den Bereich. Achtung. Bitte räumen Sie den Bereich” ertönt aus dem Megafon. Die Kellner schließen geduldig die Fenster und Türen der Kneipe. Und dann: Wassermarsch. Der Junge lacht, die Krawalltouristen springen empört auf, schimpfen auf die Polizei, Wasser tropft aus ihren Haaren, der Kuba Libre in der Hand - verwässert.

Ich möchte zurück in den Park. Dort ist es ruhiger, dort kann man sich setzen ohne nass zu werden. Aber die Polizei versperrt mir den Weg. Sie haben eine Menschenkette gebildet, die Straße abgesperrt. Ich versuche einem Polizisten zu erklären, dass ich da vorbei wolle. Aber er darf mich natürlich nicht vorbei lassen. Die Stimmung ist ausgelassen, mir ist zum Scherzen zu mute. Ich sage: “Da” und zeige mit dem Finger auf andere Leute. “Da sind jetzt aber Leute vorbei gegangen.”

Der Polizist dreht sich nach den anderen Menschen um, ich lache und schlüpfe auf seiner anderen Seite durch die Polizeikette hindurch. Zurück im Park marschiert das grüne 20er Grüppchen immer noch im Kreis, zieht den Kreis langsam enger. In der Mitte dieses Kreises sitzen Menschen friedlich im Gras, ich setze mich dazu und bekomme ein Bier geschenkt. Abendliche Grillstimmung. Was zum Teufel ist nur los in dieser Stadt? Ich bin doch in irgendeiner Persiflage gelandet, wo ist die versteckte Kamera?

Die marschierenden Polizisten haben mittlerweile den kleinen Hügel im Park eingenommen. Auf seiner Spitze thront ein hölzerner Materpfahl. Jetzt haben sie ihren Kreis endlich zugezogen. Rücken an Rücken lehnen sie am Indianerrelikt. Nach vier Stunden Marschiererei haben sie endlich den Gipfel erklommen, besetzt und den Materpfahl erobert.

Wenn dieses Ziel nun erreicht ist - na dann kann ich ja nach Hause gehen. Ich bin auch langsam müde und verwirrt. Doch der Weg nach Hause ist nicht leicht. Ständig versperren grüne Menschenketten Kreuzungen und Straßen. Rund 2000 Polizisten beteiligen sich an den Straßensperren, den Durchsagen, “Bitte räumen Sie den Bereich”, dem Wasserwerfen, den Eroberungsfeldzügen. Ich laufe Umwege, verlaufe mich - kenne mich schließlich noch nicht aus. Ich frage die Polizisten nach dem Weg. Meine Freunde und Helfer kommen aber auch nicht aus der Stadt. Sie können mir nicht weiter helfen. Wenn ich sie anspreche, zucken sie zusammen. Sie scheinen innerlich zu zittern. Fremd in einer Stadt, beauftragt unverständliche Aufgaben auszuführen, mit vier Stunden Anlauf Hügel zu erklimmen und Materpfähle zu erobern… Ich würde auch zittern.

Es gibt Geschichten von großen Polizeieinsätzen, da möchte man nicht in einer Uniform stecken. Die Straßenschilder ausgetauscht oder mit falschen Namen überklebt und schon rennen ganze Einheiten in die falsche Richtung, verlaufen sich hoffnungslos in der fremden Stadt. Die Einsatzleitung, über Funkkontakt immer mit dabei, ist völlig ratlos, kann auf den Stadt- und Einsatzplänen auch nicht mehr folgen und den Kurs korrigieren, weil die Informationen einfach nicht zusammen passen.

Genauso ratlos lässt mich auch dieser Abend, dieses Schanzenfest zurück. Arafat lebt, Teheran ist Hamburg, Steine werfen für ein paar verwässerte Kuba Libre. Immerhin finde ich meinen Weg nach Hause. Eine schwarze Silhouette erklärt mir freundlich den Weg, um im nächsten Augenblick festgenommen zu werden.

Das Wave Gotik Treffen findet schon zum 18. mal in Leipzig statt. Die Veranstalter erwarten rund 20.000 Besucher und haben viel zu tun.

Es ist wieder so weit: Leipzig färbt sich schwarz. Denn das Wave Gotik Treffen hat heute begonnen und viele Gruftis, Manga-Männchen und Mittel- alter-Freaks bevölkern die Straßen. An die vielen weiß geschminkten Menschen in ihren Renaissance-Kleidern haben sich die Leipziger längst gewöhnt. Gerne geht auch der Normalbürger zu Pfingstsonntag in die Innenstadt, um sich mit den Gruftis fotografieren zu lassen. Doch wer organisiert eigentlich das Wave Gotik Treffen, das WGT?

Hören Sie hier das Portrait über die Treffen und Festspiele mbH, die das WGT seit 2001 organisiert.

(Bilder, Radiobeitrag und Text von
Carina Pesch)

An der Leipziger PopUp verdient keiner Geld. Etwa 150 ehrenamtliche Helfer organisieren die Musikmesse mit Festival.

Popkultur ist ein Business zum Geldverdienen: Boybands, Superstars – Da geht es um das große Geld und um Vermarktung. Manager casten junge Leute und formen sie nach den heißesten Trends, um ordentlich an ihnen zu verdienen.
Die Leipziger Musikmesse für Popkultur, die PopUp, verfolgt hingegen einen anderen Anspruch.  Independent, also unabhängig möchte sie sein. Auch wenn es einige Sponsoren der Messe gibt, auf deren Ansprüche die Veranstalter eingehen müssen, sollen doch Kreativität und Motivation ganz oben stehen. Auch unbekannten Labels mit wenig Geld will die Messe Raum bieten. Diesen low-budget Anspruch der PopUp merkt man auch der Organisationsform an. Denn die Messe ist komplett ehrenamtlich organisiert. Für die Veranstalter ist die ehrenamtliche Organisation der Messe mit Festival aber nicht nur Teil des knappen Budgets, auch die Freiheit und Kreativität der PopUp soll so bewahrt werden.

Hören Sie hier den Radiobeitrag über das Ehrenamt-Festival.

(Radiobeitrag und Text von Carina Pesch)

Der Staat Israel wird 61 Jahre. Längst ist er nicht mehr nur Obstlieferant für die Bundesrepublik.

Lange Zeit galt Israel als Land der süßen Jaffa-Orangen. Doch diese Zeiten sind längst vorbei: Israel ist zum High-Tech-Land avanciert. Darauf verweisen zahlreiche wirtschaftliche Kontakte nach Deutschland. 2008 exportierten deutsche Firmen Waren im Wert von 3,9 Milliarden US-Dollar nach Israel. Aus Israel wiederum kamen halb so viele. Damit ist Israel ein wichtiger deutscher Absatzmarkt und Deutschland nach den USA der zweitwichtigste Handelspartner Israels. Große Unternehmen wie VW und Bosch haben den israelischen Markt schon lange erobert. Doch auch einzelne deutsche Städte bemühen sich um enge Beziehungen. So arbeitet zum Beispiel die Stadt Leipzig zur Zeit an einer Städtepartnerschaft mit dem israelischen Herzliya. Ein kultureller, politischer und wirtschaftlicher Austausch soll möglich werden. Wirtschaftlich ist dieser Austausch aber bereits im vollen Gange.

Hören Sie hier den Radiobeitrag über Geschäfte mit Israel (wie er auf mdr Info gelaufen ist).

Hören Sie hier den Radiobeitrag über Wirtschaftsbeziehungen zwischen Leipzig und Israel (wie er auf mephisto 97.6 gelaufen ist).

(Radiobeiträge und Text von Carina Pesch)

Israel hat heute Geburtstag. Vor 61 Jahren verlas David Ben Gurion die Unabhängigkeitserklärung. Der Westen erkannte das neue Land schnell an. Doch die arabischen Nachbarn erklärten Israel noch in derselben Nacht den Krieg. Seitdem scheint der Nahost-Konflikt nicht mehr enden zu wollen. Auf Israel angesprochen, denken die meisten wohl an Krieg, Anschläge und Bomben.

Zum Tag der Staatsgründung möchte ich das Land einmal anders vorstellen und habe mit einem Israeli über sein Land gesprochen. Elija Avital kommt aus Israel, lebt aber seit vielen Jahren in Deutschland. Er singt israelische Lieder, improvisiert Geschichten aus dem Alten Testament und lehrt Hebräisch.

Hören Sie hier das Interview mit Elija Avital.

Mehr Informationen finden Sie hier.

(Text und Interview von Carina Pesch, Foto von Frei Erzählt)

Rückblick. Düren Hauptbahnhof. Letzter Sommer. Zwei Männer aus Dubai verpassen den Zug nach Jülich. Sie sind ordentlich gekleidet, Anzug, Schlips und Kragen, Schnauzbart und ein freundliches Lächeln auf dem Gesicht. Auch während sie fluchen, weil der Zug ohne sie los fährt, lächeln sie. Daran, dass der Zug ohne sie und ohne uns los fuhr, konnte  auch ihr Lächeln nichts ändern. Also sitzen wir (Niklas, zwei Dubaianer und ich) in der Bahnhofshalle in Düren - jeder weiss, dass Bahnhofshallen nicht zu den schönsten Orten gehören - und fragen die Dubaianer, was um alles in der Welt sie in Jülich wollen. Sie besuchen einen Bekannten, lächeln sie. Wie es ihnen in Deutschland gefalle, fragen wir. Gut, lächeln sie.

Doch der nächste Zug kommt erst in anderthalb Stunden und die Dubaianer werden ungeduldig. Deutschland – und Europa überhaupt – sei alt, dreckig und hässlich, lächeln sie. Ein Dubaianer zeigt auf die Steinplatten am Boden der Bahnhofshalle. Sie sind anthrazitfarben, an manchen Stellen sind helle Flecken im Stein. Der Dubaianer zeigt darauf und sagt: “In Dubai alles sauber, alles neu, alles ordentlich.” Ich betrachte die Flecken im Stein, immerhin kleben keine hellen Kaugummiflecken am Boden, Düren hat wirklich einen der saubersten Bahnhöfe in Deutschland. Dubai wird vor meinem geistigen Auge zu einer glänzenden Stadt aus Glas, blitzeblank geputzt, vergoldete Scheichs schlendern zwischen Golfplätzen und Wolkenkratzern.

Mit diesem ersten Eindruck aus zweiter Hand fliegen wir am 1. März nach Dubai und landen um 5 Uhr morgens. Am Flughafen hängen Rolexuhren, der Boden ist hell gefliest, große voll automatische Aufzüge aus Glas fahren an gekachelten Wasserfällen entlang. In all der Pracht stehen weiss gewandete Männer mit Kopftuch und schwarzem Ring darauf und schwarz beschleierte Frauen. Schilder weisen auf Gebetsräume hin. Es gibt auch eine Grenzbeamtin. Sie trägt ebenfalls einen Schleier, lose um den Kopf gelegt, und schäkert mit ihren männlichen Kollegen.

Ein Bus bringt uns ins Zentrum, der Fahrer Pakistani, der Mann, der uns den Weg weist, Phillipino. Doch bevor wir den richtigen Bus finden, haben wir den Flughafen ein bis zwei mal umrundet. Die verschiedensten Menschen haben uns auf Nachfrage in die verschiedensten Richtungen geschickt. Das also ist schon wie in Asien: Keine Antwort ist unhöflich und eine falsche immer noch besser als keine.

Im Zentrum angekommen wird klar, ein solches gibt es überhaupt nicht. Der nette wegweisende Phillipino hat uns zu einem Einkaufszentrum dirigiert, sein Name: City Center. Um das Center herum: überall Baustelle. Durch schmale Verschläge wird der Fußgänger um die zahlreichen sechsspurigen Strassen geleitet. Müll liegt herum, jede brachliegende Fläche eine kleine Müllhalde. Das hatten die beiden Bahnhofsdubaianer in Deutschland ver- schwiegen. “Alles sauber, alles neu, alles ordentlich.” Doch es ist durchaus möglich, dass sie nichts von diesen Straßen und Müll- bergen wissen. Denn arabische Dubaianer sieht man auf diesen Straßen nicht. Hier sammeln gelb gekleidete Pakistani den Müll auf, kümmern sich Inder in grünen Anzügen um die künstlichen Grünanlagen, laufen Malayen, Phillipinos und Nepalis die Straßen entlang auf dem Weg zur oder von der Arbeit.

Mindestens drei Stunden laufen wir in diesem Labyrinth aus Asiaten, Straßen, Hinweisschildern und Baustellen in die falsche Richtung. Eigentlich wollen wir zum Meeresarm, zum Creek, der die Stadt zweiteilt, wo die alten Holzschiffe beladen werden und Leben ist. Doch wir landen bei einer Pyramide mit Sphinxen, Osiris und Co. Die Pyramide ist ein Hotel, ein Shopping Center, eine Flaniermeile, mindestens vier Sterne. Doch alles, was wir wirklich wollen, ist ein Stadtplan von Dubai, damit wir den lauten Straßen und vereinzelten Hotels entfliehen können, auch der Las Vegas-Disneyland-Pyramide und den Müllhaufen entlang der Baustellen. Aber die Geschäfte sind noch geschlossen, in das schicke Hotel trauen wir uns nicht, bestimmt würde man uns nicht einlassen. Was gibt es sonst noch für potentielle Kartenbezugsquellen? Touristenbusse für 200 Dollar fahren hier los und Taxis, die uns ebenfalls zu teuer sind. Moment… – Touristenbusse…  die könnten doch… und tatsächlich der freundliche Asiate drückt uns einen Stadtplan in die erwartungsvoll ausgestreckten Hände. Endlich. Orientierung.

Weitere zwei Stunden später sitzen wir am Meeresarm, geschafft, müde von fünf Stunden Umherirren und kurzem Schlaf im Flugzeug. Ein Japaner fotografiert uns, wir essen Orangen, die nicht schmecken und starren auf die Hochhäuser am anderen Ufer, die Holzschiffe davor. Das also ist Dubai.

Es ist zehn Uhr morgens, wir haben noch 18 Stunden bis unser Anschlussflug nach Jakarta, Indonesien abhebt. 18 Stunden diese Stadt zu erkunden – diese Stadt, die das einzige 6-Sterne-Hotel der Welt besitzt, diese arabische Wüstenstadt aus dem Nichts erbaut, diese arabische Stadt, in der uns bisher unter all den vielen Menschen erst eine Hand voll Araber begegnet ist, diese muslimische Stadt, in der verschleierte Frauen Bagger auf Baustellen, aber selten selber Auto fahren.

Wir raffen uns auf, auf die müden Beine, schlendern den Meeresarm entlang: Holzschiffe, reich verziert, Möwen halten Wache, Ausschau über verspiegelte Hochhäuser und Putzkolonnen. Barfüßige Männer, die unter Palmen auf künstlichem Grün die Beine hochlegen, Möwen füttern, in Ecken pinkeln und auf Mauerrändern in Embryonalstellung hockend tratschen.

Und dann: Eine Altstadt – schmale Gassen, kleine Geschäfte, Seidenstoffe, verschleierte Frauen, Handkarren, geschäftig telefonierende Männer in den Stoffläden und manche, die Stoffrollen von einem Ort zum nächsten wuchten. Weiße Moscheen mit Schuhen davor, Muezzin-Gesänge in der Luft, Hähne im Schatten der kargen Sträucher. Die Altstadt wurde vom Designer des Disneyland entworfen, aber die Strassen sind voller Leben. Eine kleine romantische Idylle zwischen Baustellen und Hochhäusern.

Für einen Dirham (wenige Cent) überqueren wir auf einem Abra den Meeresarm. Abras sind flache Boote mit einer langen Bank in der Mitte, die zu beiden Seiten hin, Rücken an Rücken besetzt werden. Abras flitzen beinahe im Sekundentakt von einem Ufer zum nächsten, riechen nach Benzin und haben knatternde Motoren.

Auf der anderen Seite: Hafenleben, wieder Holzschiffe, aber weniger verziert, aus den schicken Restaurant-Schiffen am anderen Ufer sind hier einfache alte Frachtschiffe geworden. Entsprechend geschäftig geht es zu. Fernseher, Staubsauger und Getränkedosen in Paletten werden in den Schiffsleibern verstaut, mit Seilen an Bord gezogen.

Ein kleines Stück weiter ein weiterer Markt, ein Souk, diesmal nicht für Stoffe, sondern für Gewürze, dahinter Ramschartikel, dahinter Gold. In der Gewürzabteilung des Marktviertels treffen wir auf einen Iraner. Er arbeitet an einem Marktstand: Safran, Curry, Anis – Es duftet, eine Farbenpracht für die Augen. Er hat auch Viagra, Kamelöl aus dem Höcker zur Massage und Schokolade, die aussieht wie Edelsteine. An seiner Tür klebt ein Aldi-Aufkleber. Auf deutsch fragt er: “Habt Aldi-Nord oder Aldi-Süd?” Er weiß sogar, dass  Aldi-Süd besser ist, obwohl er noch nie in Deutschland war. Das habe er alles auf dem Markt in Dubai gelernt.

Zwischen den Ramschartikeln hingegen sieht man nicht vor allem Deutsche, sondern Afrikaner, die sich mit USB-Sticks, Elektronik und billigen Uhren eindecken. Zwischen Läden auf dem Gold-Souk zischen immer wieder zwielichtige Gestalten “Fa-k-ed watchhh, hand-bag-sss, Mis-ter.” Ihre Augen rollen in hypnotisierenden Spiralen, wie die der Schlange Kaa im Dschungelbuch. Sie huschen umher zwischen kleinen Verschlägen, die über und über mit den opulentesten Goldgeschmeiden versehen sind. Unsere Markterkundungen abschließend genießen wir eine Mahlzeit zwischen diesen Goldgehängen, schlängelnden Verkäufern und arabischen Männern: Ein Silbertablett mit Safranreis und Huhn, gegessen wird mit der Hand, laut geredet und gelacht wird mit dem Mund und gestrahlt wird über das ganze Gesicht. Schmunzelnde Augen, weite weiße Gewänder und jeder mindestens drei Handys vor sich auf dem Tisch, natürlich die neuesten Modelle.

Gestärkt machen wir uns auf zur letzten Etappe unseres 23-Stunden-Dubai-Marathons. Strand: hinlegen, dösen, Meeresrauschen und dazu einen Blick auf das einzige 6-Sterne-Hotel der Welt, auf den Burj al-Arab. Hinlegen wird uns nicht verwehrt, zumindest nicht für kurze Zeit, auch das Meer rauscht und der Wind braust. Aber der Blick auf besagtes Hotel ist verhangen – ein Sandsturm verschleiert den Himmel, die Sonne und lässt nur einen Schattenriss des Hotelturmes erkennen. Wie ein graues Segel ragt er in den verdunkelten Himmel. Eine schwarz verschleierte Frau huscht durch’s graue Bild und schon bald vertreibt uns der feine Sandstaub mit brennenden Augen vom Strand. Bis in die Unterhosen hat sich der beinah unsichtbare Sand geschlichen. Wie praktisch wäre doch ein Schleier gewesen, am ganzen Körper zugeschnürt, am liebsten die Augen gleich mit bedeckt.

Sandsturm am Strand:
Im Hintergrund die Silhouette des Burj al-Arab

(Text und Bilder von Carina Pesch)