Kalte Hippiehäuser und Wirrungen der Kisune

Kyoto. Mein rechtes Auge ist entzündet, seit zwei Tagen. Es brennt, wenn ich morgens aufwache, hat Augenschleim die Lider so sehr verklebt, dass an den ersten morgendlichen Augenaufschlag gar nicht zu denken ist. Mein Hals brennt auch, fühlt sich an als hätte ihn jemand von innen aufgekratzt. Im Zimmer ist es so kalt, dass der Atem in der Luft beschlägt. Krieche ich nachts unter die Bettdecke, so dass mein ganzer Körper darunter verschwindet, dann wache ich mitten in der Nacht auf, da alles um mich herum nass vom Atmen ist. Wieder wird es kalt.

Warum nur hat so ein hochtechnologisiertes Land wie Japan kein vernünftiges Heizsystem? Außer dem kotazu im Zimmer nebenan gibt es in diesem Studentenhaus, in dem ich gerade wohne, keine Wärmequelle. Ein kotazu ist ein beheizter Tisch auf Kniehöhe, steckt man die Beine darunter werden zumindest diese warm, eine Steppdecke an Stelle einer Tischdecke sorgt dafür, dass die Wärme nicht verfliegt.

Es ist ein traditionelles japanisches Haus in einer der kleinen, vollbepackten Seitengassen von Kyoto. Viele Schiebetüren, wenig Raum, schlechte Isolation. Hier wohnen junge Hippies. Daher sieht das Haus von Innen aus wie alle Hippiehäuser- An den Wänden hängen Tücher aus Indien und Mondkalender, es riecht nach den üblichen Räucherstäbchen, es gibt Gewürztee, Filzpantoffeln und ranzige Schränke unter der Spüle. Die Menschen tragen lange Haare, Dreadlocks, Pluderhosen, Strickpullis und Ethnolook. Dennoch ist alles schrecklich japanisch- Die Kälte, Filzpantoffeln nur für die engen Gänge, in den Räumen auf den Tatami-Matten sind sogar Hausschuhe verboten, ständiges Verbeugen, Reis dreimal täglich, Extra-Schuhe zum auf`s Klo gehen, geschlafen wird auf Futon-Matten, die jeden Morgen aus den Fenstern hängen und den restlichen Tag zusammengerollt in einer Ecke des Raumes verbringen.

Die Adresse habe ich von Akira, einem Musiker aus Kyoto, den ich auf dem Hippiekonzert bei den ersten Wwoof-Gastgebern kennen gelernt habe. So dass ich jetzt kostenlos in Kyoto leben kann, eine Basis für kleine touristische Ausflüge habe und viele spannende Menschen treffe.

Yuki- aus dem Zimmer nebenan- zum Beispiel malt ihr Tagebuch als Mangacomik und macht Kollagen aus Fotographien und Mangas. Einen Teil ihrer Kunst gibt es im Internet unter www.12.ocn.ne.jp/hoantama/ zu sehen. Ihr Name bedeutet Hoffnung oder Schnee und ist ein Name aus dem ersten Haruki Murakami Buch, das ich auf der Reise gelesen habe.

Die spannenden Menschen machen die häusliche Kälte wärmer. Abends versammeln wir uns um den kotazu, essen nabe-Suppe und trinken shochu-Schnaps mit heißem Wasser. Dann wird es bis um drei Uhr nachts warm.

Meine touristischen Erkundungen haben mich zu vielen Tempeln geführt, denn Kyoto als alte Hauptstadt und kulturelles Zentrum hat natürlich viele von der Sorte. Der beeindruckendste war der Fushimi Inari Taisha Schrein. Mehr als vier Kilometer lang schlängeln sich orangefarbene Tempeltore, torii, den Berg hinauf. Mal darf man sich unterwegs in einen Bambuswald verirren, durch den Sonnenstrahlen auf den Boden fallen und alles grünlich-golden schimmert. Dann kommt man an kleinen Schreinen vorbei, Fuchsstatuen wohin man schaut, idyllische Seen und soba-Nudelrestaurants mit Ausblick über die Millionenstadt im Nebel.

Der Berg mit seinen Schreinen und Toren ist der Botschafterin des Gottes Inari, Kisune, gewidmet. Kisune hat die Gestalt eines Fuchses und ist für Irrungen, Wirrungen und verlorene Wege verantwortlich. Sie kann Menschen an sich binden, sie besessen machen und schlüpft zu diesem Zweck unter den Fingernägeln in menschliche Körper. Wenn also jemand den gleichen Weg wie immer geht, dennoch nicht ans gewohnte Ziel gelangt, wenn jemand sich sicher ist, einen Gegenstand an einen bestimmten Ort gelegt zu haben, ihn aber dort nicht wieder findet, dann hat Kisune ihre Finger im Spiel.

Der Glaube besagt, dass man durch die tausend Tore schreitet, einem Wunsch nachhängt, meditiert. Findet man den Berggipfel, dann wird der entsprechende Wunsch in Erfüllung gehen. Aber den Weg zu finden ist äußerst trickreich. Es gibt Verzweigungen, Wegkreuzungen und steht man auf dem Gipfel, ist man sich nicht sicher, ob er es tatsächlich ist, denn er sieht aus wie der Gipfel zuvor und wie der vorvorletzte auch. Ehe man sich versieht, steht man wieder am Ausgangspunkt und ist so schlau wie zuvor.

Diese verwirrende Götterbotschafterin hat mich durch Kyoto begleitet wie ein Schatten auf meinen Fersen.

Schon die erste Nacht war verwirrend. Ich konnte die Hippies im kalten Haus nicht erreichen, denn auch japanische Hippies haben Anrufbeantworter. Also habe ich mich in das günstigste Gästehaus der Stadt einquartiert. Dort habe ich einen Engländer mit lustigem Manchesterakzent wieder getroffen, der mir schon zu Anfang der Reise in Tokio über den Weg gelaufen ist. Weiterhin habe ich mich von einigen Backpackern verschiedenster Länder und Japanern des Gästehauses überreden lassen, auszugehen. Metroclub hieß das Ausgehziel und nach einem Zwei-Liter-Tetrapack Sake machen wir uns zu zehnt im Taxi auf den Weg.
Der Club spielt grässliche 80er Jahre Musik, sieht aber aus wie der angesagteste Undergroundclub der Stadt. Das Publikum alternativ.

Aus einem Grund, der mir nach wie vor schleierhaft ist, frage ich wahllos einen dieser alternativen Menschen, ob er Akira und Sachi kennt. Er sagt, er kenne sie und am nächsten Tag ruft Sachi mich im Gästehaus an, ich ziehe zu den Hippies. Was für ein Zufall in einer der größten Städte Japans, immerhin einige Millionen Einwohner.

Doch die Nacht wird immer seltsamer, die Erinnerungen der Backpackerhorde decken sich immer weniger. Japanischer Sake ist verhängnisvoll. Der eine ist davon überzeugt, wir wären den ganzen weg zurück gelaufen. Der andere erinnert sich an eine Taxifahrt zurück mit einer Japanerin auf seinem Schoss. Ein Dritter sagt, ich habe morgens früh um fünf auf den Fliesen der Bahnhofshalle meditiert, aber die Bahnhofshalle ist von 23 bis sechs Uhr mit schweren Toren verschlossen. Nach ausgiebiger Meditation hätten wir uns alle auf dem Boden aus Spaß geprügelt, zehn japanische Polizisten hätten drum herum gestanden und gelacht. Ein vierter meint, er sei mit mir um den Bahnhof herum gelaufen, nachdem wir alle anderen verloren hätten. Andere sagen, sie seien 10 Meter vor uns gelaufen. Nur in einem Punkt sind sich alle einig- so viel haben wir doch gar nicht getrunken…

Ich halte mich mit Urteilen und Erinnerungen dieser Nacht zurück, weiß ich doch, dass Kisune ihre Finger im Spiel hatte und diese Irrungen und Wirrungen wohl nie aufgeklärt werden können.

Stattdessen wandere ich am nächsten Tag auf Kisunes Berg und durch ihre vielen Tore. Gott Inari weiß, ob ich den Gipfel je erreicht habe und mein Wunsch in Erfüllungen gehen wird.

Einen Tag später stehe ich in Nara am Geldautomaten, tippe meine Pinnummer wie gewohnt in den Automaten, bekomme jedoch kein Geld. Der Automat sagt, es sei die falsche Pin. Ich versuche es noch einmal. Wieder falsch. Verdammt, man hat doch nur drei Versuche. Ich besuche erst einmal den riesigen Buddha daibuzi. Auch er sagt, die eingetippte Pinnummer sei richtig. Auf dem Weg will ein Reh meine Kamera fressen, knabbert genüsslich am Band der guten Canon. Hey, das ist ein Erbstück meines Vaters- so geht das aber nicht. Erst als ich meine Maultrommel zücke und ihm ein Ständchen bringe, hört es auf. Rehe sind in Japan die Botschafter der Götter und ich frage mich langsam wirklich, was die Götter mir sagen wollen.

Auf dem Heimweg versuche ich mich ein drittes mal am Geldautomaten. In meinem Portemonnaie gähnt Leere. Das Ergebnis- Geheimnummer wieder falsch, Karte gesperrt. Ohoh! Danke Kisune.

Gnädigerweise schicken mir die Götter am selben Tag zwei Deutsche ins Gästehaus. Ich überweise ihnen online Geld, denn das funktioniert auch mit gesperrter Karte, und sie geben mir Bares. Gerettet, das Portemonnaie wieder gefüllt und Kisune ist erst mal still.

Doch am letzten Tag in Kyoto schlägt sie erneut zu. Ich radele mit Sachi durch die Stadt. Sie fährt den Weg täglich, doch wir verfahren uns zweimal. Sie kann es nicht fassen, dass sei ihr noch nie passiert. Ich sage, dass Kisune mich begleitet. Sie lacht.

Am letzten Abend kehre ich ein letztes mal ins Gästehaus zurück, denn dort gibt es einen Kimono, den ich gerne erstehen möchte. Als ich das Haus betrete, starren mich alle ungläubig an. “I thought you left yesterday”, sagt der Rezeptzionist, der mir mein Busticket zum nächsten Wwoof-Gastgeber organisiert hat. Ich schüttele den Kopf, offensichtlich nicht, hatte ich auch nie vor. Er schaut noch schockierter drein, er habe doch mein Ticket für den vergangenen Morgen gebucht. Das ist jetzt wohl zu spät. Ein Missverständnis oder Schusseligkeit.

Ich krame das Ticket aus der Hosentasche, auf japanisch steht darauf wohl, dass mein Bus am selben Morgen aus Tokio abgefahren ist. Das bedeutet, ich hätte gestern den Nachtbus von Kyoto nach Tokio nehmen müssen, mein Bus ist also ohne mich abgefahren. Ich bin verwirrt.

Der Rezeptzionist kauft mir ein neues Ticket. Ich frage zweimal nach, ob er es jetzt auch sicher für das richtige Datum gebucht hat, er bestätigt es mir zweimal. Doch in Tokio stelle ich fest, dass er es dieses mal zwar für den 23. aber leider nicht den 23. Januar, sondern Februar gebucht hat. Ich soll also einen Bus nach meiner Rückkehr nach Deutschland nehmen, einen Monat auf eine Busfahrt warten und das im Riesenmoloch Tokio. Wieder schicken mir die Götter einen Ausweg- ein japanischer Engel, der englisch spricht, bucht mein Ticket um.

Jetzt fahre ich nach Koriyama, letzter Aufenthaltsort in Japan, der nächste Wwoof-Gastgeber wartet, ein Zen-Mönch. Jetzt werde ich die letzte Woche meditieren und über Kisunes Botschaft nachdenken. Was die Götter wohl zu sagen haben?

(Text von Carina Pesch, Bilder von Mark Hinks)