Mensch. Oder: Narbenpoesie

„Was denken Sie macht einen Menschen aus?“ fragte ein kleiner Mann mit Hut. Er trug einen beigen Trenchcoat, hatte den schmalkrempigen Hut tief ins Gesicht gezogen und starrte vor sich hin. Sein Gegenüber war sich nicht ganz sicher, ob er auf den See, der vor ihnen lag, starrte. Vielleicht beobachtete er wie sich die Wolken zwischen den Trauerweiden widerspiegelten. Das jedenfalls tat das Gegenüber. Es mochte die Trauerweiden wie sie sich über die Wasseroberfläche reckten, alle Äste und Blätter entspannt baumeln ließen. Verträumt tauchten wenige Blätter durch die Oberfläche, vermischten Luft mit Wasser, ließen das Spiegelbild verschwimmen. ‚An solchen Stellen kann man sich gar nicht sicher sein, welche Seite des Spiegels die Realität zeigt’, fand das Gegenüber.

Die beiden saßen auf einer Bank im Rosa-Luxemburg-Park, neben einander, die Beine feinsäuberlich in 90°-Stellung vor dem Körper, die Hände auf dem Schoß ruhend.

„Seine Narben“, antwortete das Gegenüber.

Der kleine Mann mit Hut zuckte zusammen. Er hatte bereits vergessen, überhaupt eine Frage gestellt zu haben, geschweige denn welche.

„Was bitte meinen sie?“ fragte er daher.
„Sie fragten nach meiner Meinung.“

Das Gegenüber legte eine Pause ein, überlegte kurz, ob es eigentlich das Gefragte war, blickte um sich, sah niemanden sonst und fuhr fort:

„Sie fragten, was einen Menschen ausmache, und ich sagte: ‚Seine Narben.’“
„Ach ja richtig. Entschuldigung, ich hatte mit keiner Antwort gerechnet. Normalerweise, wissen sie, rede ich mit niemandem, oder ich rede mit jemandem, aber er ist nicht da. Für gewöhnlich antwortet also niemand. Ich stelle immer nur Fragen.“
„Nein, ich muss mich entschuldigen“, erwiderte das Gegenüber. „Ich wollte mich nicht in ihre Gespräche mit niemandem oder jemandem, der gar nicht da ist, einmischen. Bitte entschuldigen Sie.“
„Nun, wo Sie schon einmal hier sind und sich in mein Gespräch eingemischt haben, würden Sie da auch so freundlich sein und mir erklären, wie Narben einen Menschen ausmachen?“
„Liebend gern“, entgegnete das Gegenüber. „Haben Sie als Kind nicht auf die große Narbe ihrer Großmutter am Knie gezeigt und gefragt, was das ist?“
„Meine Großmutter hat keine große Narbe am Knie“, antwortete der Mann mit Hut.
„Oh… Aber sie hat irgend eine Narbe. Vielleicht am Rücken, am Großenzeh, im Gesicht?“

Der Mann mit Hut überlegte: „Nein, ich glaube nicht.“
„Ach, kommen Sie, wissen Sie überhaupt wie Ihre Großmutter aussieht?“
„Natürlich weiß ich, wie meine Großmutter aussieht. Aber sie hat eben keine Narbe.“
„Na gut, Ihr Großvater vielleicht?“
„Nein.“
„Ihre Mutter?“
Ein Kopfschütteln.
„Ihr Vater aber?“
„Nein, der auch nicht.“
„Gut, dann ist Ihre Familie eben narbenlos“, sagte das Gegenüber. „Meine Großmutter jedenfalls hat eine große Narbe am Knie.“
„Das ist ja schön für Ihre Großmutter.“
„Nein, aber es war schön für mich.“
„Waren Sie denn dabei als Ihre Großmutter die Narbe bekommen hat? Erfreuen Sie sich gerne am Leid anderer“
„Nein, aber als ich die Narbe entdeckte, konnte ich fragen, wo sie herkomme. Es gab eine Geschichte zu der Narbe. Das ist doch wundervoll.“
„Wenn Sie meinen“, brummte der Mann mit Hut.
„Und die Geschichte gefiel mir so gut, dass ich jedes mal, wenn ich meine Großmutter besuchte, sagen konnte: ‚Erzähl’ mir noch einmal die Geschichte über die große Narbe am Knie’. So hatte ich immer etwas, worauf ich mich freuen konnte“, erklärte das Gegenüber geduldig.
„Haben Sie denn keine Süßigkeiten von Ihrer Großmutter bekommen?“ fragte der Mann mit Hut.
„Doch die habe ich gegessen, während meine Großmutter von ihrer Narbe erzählte.“
„Sie sind ja pervers.“
„Aber das ist es, was den Menschen ausmacht“, sagte das Gegenüber und starrte auf die Trauerweiden, die sich im Wasser widerspiegelten.

(Text und Bild von Carina Pesch)