Everybody‘s gone surfing

Endlich haben wir es geschafft. Strände, Palmen und beide gesund.

Eine kleine Insel vor der Westküste Sumatras mit dem netten Spitznamen Ngeng Ngeng. Doch einsame Inselromantik – das ist eine andere Geschichte.

Durch Mangrovenwälder und Gewitterregen sind wir auf einem Speedboat – das heißt, ein Fischerboot mit zwei Motoren – angereist. Im Gepäck einen Australier, einen Brasilianer, einen Franzose, jede Menge Wasserflaschen, Nudeln, Reis, Gemüse, Instant- milchpulver und Kaffee. Unsere Nahrung für die nächste Woche. Selbstverpflegung ist angesagt, denn außer Kokosnüssen soll es auf Ngeng Ngeng nicht viel geben. Vorbei die Zeit, in der ältere Schulkinder auf der Straße frisches, duftendes Essen im Wok für uns zubereiteten. Vorbei – auch der nette alte Mann mit seinem Erdnuss-Chilli-Obstsalat. Vorbei – die Pfannkuchen zum Frühstück. Jetzt kommt einsamer Strand.

Kurz vor dem großen Gewitterregen steigt ein merkwürdiger Passagier ins Speedboot dazu. Wir halten an ein paar Hütten am Ufer, der Himmel ist bereits dunkel, ein indonesischer Surfer steigt ins Boot. An seinem Arm hängt ein kleines, schuppiges Ding. Es klammert mit Armen, Beinen und dem schuppigen Schwanz. Eine Art Gürteltier, das klettern kann. Später recherchiere ich, dass es das Schuppen- oder Tannenzapfentier ist. Sein ganzer Körper ist mit großen Schuppen aus Horn bedeckt und so sieht es wirklich wie ein Tannenzapfen aus. Besonders als sich der kleine Passagier am einzigen trockenen Ort im Boot, zwischen unseren Vorräten für die nächste Woche zusammenrollt, ist die Ähnlichkeit mit einem Zapfen groß. Ob er auch auf die Speisekarte der Insel- bewohner gehört? Als wir aussteigen, möchte das Tannenzapfentier jedenfalls am liebsten bei uns bleiben. Mit Armen, Beinen und Schwanz umklammert es Niklas Arm und will ihn nicht los lassen. Nur unter Schmerzen für Niklas können die Inselbewohner die Krallen ihres Haustieres von seinem Arm lösen.

Bis auf die Unterwäsche durchnässt stehen wir am weißen Strand und blicken wehmütig unserem kleinen, schuppigen Freund hinterher, der mit im Boot wieder ablegt. Dann erst begutachten wir unser neues Heim. Eine Hütte am Strand. Doch keiner ist da. Wir gehen trotzdem rein, ziehen uns trockene Sachen an, kochen Kaffee und Mittagessen. Wir fühlen uns schon zu Hause, haben die Hängematte aufgehängt, lassen die Seele baumeln, als plötzlich ein Boot anlegt.

Vier braun gebrannte Surfer packen ihre Boards, springen ins seichte Wasser und trotten mit Fischen, die ihnen über die Schultern hängen, an Land. „Hey, how you doing. Good surf out there“, sagen sie im Kanon. Surfer sind jene Gattung Mensch, die alle entlegensten Orte dieser Welt bereist, nur um den ganzen Tag zu surfen. Sie zahlen auch gerne mal 200 Dollar für eine Nacht, treiben die Preise in die Höhe, nur um den Surf ihres Lebens zu erwischen. Surfer kennen im Wesentlichen nur drei Worte: Surfen, Welle und groß.

Sie stehen früh auf, um die beste Welle zu erwischen, essen Kohlenhydrate in allen erdenklichen Formen – Nudeln, Reis, Haferflocken – Hauptsache es geht schnell und gibt Energie für den Surf. Und sie sprechen von nichts anderem. Dieses Surfen muss das ultimative Lebenselixier sein, einen so ausfüllen, dass nichts anderes mehr bleibt.

Ein Surfergespräch:
„Then I was in the water, sitting there on my board. This huge massive wave came. It came right at me. I saw it, I saw that massive wave. Fuck. Huge, massive, fucking wave. And I got right into it. Me. The wave. I was right there.“ So geht es dann für Stunden … „wave, huge, massive, fuck.“ Sie schaufeln Kohlenhydrate in sich hinein, dann gehen sie, ein jeder sein Board unter dem Arm, kommen wieder mit roten Augen und einem „did you see that wave, huge, massive, fuck“ auf den Lippen. Beim Abendessen legt unser Franzose erst richtig los: „Dude, you know, good surf today. I just need surf, noodles, may be sex. But no – don‘t need sex, only surf.“ Er schlürft seine letzte Nudel vom Teller, zieht sich noch eine Packung Haferflocken mit Instantmilch rein und geht sein Board streicheln.

Das ist Ok. Manche Menschen reden mit Pflanzen, andere streicheln Surfboards und wir umarmen uns manchmal verstohlen am Strand. Das finden die Menschen hier auch nicht normal. Die Surfer nicht, weil sie nur den Surf brauchen, und die Inselbewohner nicht, weil sie so diskret sind. Also, umarmen wir uns manchmal heimlich am Strand, blicken auf und an der nächsten Palme steht plötzlich ein Indonesier, als hätte er sich den ganzen Tag hinter dem dünnen Palmstamm versteckt. Er kommt unverhohlen näher, stellt sich neben uns und guckt. Er guckt und guckt. Gucken wir zurück – wir umarmen uns natürlich längst nicht mehr – guckt er immer noch. Aus und vorbei mit der Diskretion. Ungestört gibt es nicht. Ich gucke länger hin, soll der doch weg gucken. Nach einer Weile zeigt er mit dem Finger, dass er mal weiter geht als würde er sein Gehen entschuldigen wollen. „Ja, is schon Ok, geh du mal, ja, kannste schon machen“, sage ich und winke ihm freundlich lächelnd. Er geht.

Und der ganze Rest ist ja eh surfen, so dass mal für eine halbe Stunde Ruhe ist: Strand, sanftes Wellengeräusch, Sonne und mal fünf Minuten umarmen.

Traumstrand. Das Meer formt Pools und Minigebirge

Kanus unter Palmen

Einsamer Wanderer

Eine kleine Insel Mitten im Ozean

(Text und Bilder von Carina Pesch)